Zum Stand der Dinge zweier vieldiskutierter Trends für die Branche.

Virtual Reality im Reisebüro? Ein alter Hut, werden viele sagen. Davon hört man ja seit Jahren. Stimmt. Aber so ist das heute mit den Trends: Lange brodeln sie in den Laboren der Hightech-Alchemisten vor sich hin, bevor sie dann irgendwann in unserer Wirklichkeit auftauchen.

Virtual Reality ist inzwischen in vielen Reisebüros angekommen. Vor zwei, drei Jahren häufig noch als Spielerei beschmunzelt, stellt sich für immer mehr Reisebüros nun die Frage: Brauche ich das auch?

Was ist VR?

Kurz zur Erklärung: Virtual Reality meint die dreidimensionale Darstellung (Videos und Fotos) von Räumen, die mithilfe einer speziellen Brille möglich wird. Die Brille, eher eine Maske, ist im Prinzip ein quer eingelegtes und gegen Umgebungslicht abgeschottetes Smartphone. Andere Modelle haben einen Monitor direkt in der Brille integriert, sind allerdings teurer.

Spezielle Programme liefern Bilder und Videos. Oft werden sie auch direkt von leistungsfähigen Servern über das Internet gestreamt. Der Betrachter kann sich im virtuellen Raum umschauen und sogar ein paar Schritte in den Raum hineingehen. Der Effekt ist klar: Man bekommt ein viel intensiveres Erlebnis, als wenn man sich einfach nur Fotos auf einem Bildschirm oder in einem Katalog anschauen würde. Das Raumerlebnis ist auch viel intensiver als beispielsweise bei einem 3D-Kinofilm.

„Ein ideales Mittel, besonders, wenn man Leuten Schiffe zeigen möchte, die keine erfahrenen Kreuzfahrtreisenden sind“, sagt Lena Schulze-Freyberg, Leiterin Kreuzfahrten beim LCC-Büro Hamburg Süd. Seit fast einem Jahr setzt das Reisebüro Virtual Reality ein und die Kunden sind begeistert. „So kann man Menschen, die vielleicht einfach nur einen Katalog abholen möchten, schon gleich ins Gespräch ziehen“, hat Lena Schulze-Freyberg festgestellt. Sie setzt das VR-Erlebnis auch auf Kundenevents und Reisemessen ein.

„Wer einmal auf diese Art in die MS EUROPA2 hineingesehen hat, bekommt ein viel besseres Gefühl für die Atmosphäre dieses Schiffes.“

Die VR-Technik kann ein neuer Kundenmagnet für den stationären Vertrieb sein, urteilt man auch bei Hapag Lloyd Kreuzfahrten. Sonja Sendzik, stellvertretende Leiterin Vertrieb Kreuzfahrten, ist von der Wirksamkeit überzeugt. „Wer einmal auf diese Art in die MS EUROPA2 hineingesehen hat, bekommt ein viel besseres Gefühl für die Atmosphäre dieses Schiffes.“

Ein Grund dafür, dass sich VR für Reisebüros immer mehr lohnt, heißt Content. Endlich gibt es für die VR-Geräte genug gute Inhalte, die zu zeigen sich lohnt. Veranstalter investieren in die aufwendigen Videos und Dienstleister stellen Technik und Plattformen zur Verfügung. Mittlerweile gibt es mehrere Anbieter, die Content-Pakete mit ständig aktualisierten Inhalten vieler Leistungsträger und Aufnahmen von Sehenswürdigkeiten und Landschaften anbieten. Und das Angebot ist durchaus erschwinglich: VR-interessierte Reisebüros sind z. B. schon mit einer monatlichen Servicegebühr, einer VR-Brille für ca. 100 Euro und einem passenden Smartphone dabei.

Carsten Fischer, Geschäftsführer bei InteractiveCMS, empfiehlt ein System mit Beratermodus, bei dem der Berater auf einem Monitor oder einem Tablet sieht, was der Kunde gerade erlebt. So kann er besser auf ihn eingehen.

Verständlich, dass hauptsächlich entsprechend teure Produkte wie Kreuzfahrtschiffe oder außergewöhnliche Clubs & Resorts 360-Grad-Videos erstellen lassen. Denn für diese Angebote lohnt sich die aufwendige Beratung im Reisebüro besonders.

Noch mehr Erlebnis mit Mixed Reality

Möglich, dass dann Augmented Reality das nächste heiße Ding ist. Fast ebenso lange und heiß diskutiert, ist dieses Thema noch etwas weiter weg vom Reisebüro.

Bei Augmented Reality wird – kurz gesagt – Wirklichkeit nicht simuliert, sondern ergänzt. Die Google-Brille, mit der der Hype um die erweiterte Realität 2013 eingeläutet wurde, konnte sich nicht durchsetzen. Stattdessen machte 2016 ein simples Smartphone-Spiel die Konsumenten mit den Möglichkeiten der Augmented Reality vertraut: Pokémon GO.  Die kleinen Monster konnte man in seiner unmittelbaren Umgebung live jagen und dabei bestaunen, wie virtuelle Inhalte sich in die reale Welt einfügen.

In der Reisebranche gibt es seit einiger Zeit Kataloge, die sich der AR-Technik bedienen. Man hält das Smartphone über eine Seite und bekommt zum Beispiel Videos zur Destination oder aktuelle Angebote. Dies ist zweifellos nicht mehr Ergänzung zum Print-Inhalt, als etwa ein QR-Code liefert, der die einfachste Form von AR darstellt.

Unterwegs mit AR

Interessanter sind interaktive Reiseführer-Apps, die unterwegs passende Informationen zu Sehenswürdigkeiten anzeigen, wenn man einfach die Umgebung abfilmt. An ihre Grenzen stoßen diese Anwendungen überall dort, wo hohe Roaming-Gebühren den Online-Zugriff unattraktiv machen. Dort kann das System nur auf gespeicherte Inhalte zurückgreifen und muss auf Aktualisierungen wie Veranstaltungen oder Verkehrshinweise verzichten.

Und wo ist der Nutzen der AR-Technologie für Reisebüros? Die Antwort könnte lauten: Mixed Reality, also eine Vermischung von Virtual und Augmented Reality. Das bedeutet, dass man mit Datenbrille durch eine virtuelle Welt geht, die aber mit der realen verbunden ist. So können bei der Besichtigung eines Kreuzfahrtschiffes gleich die Preise für die gerade betretene Kabine eingeblendet werden. Beim Gang auf den Balkon sieht man die Skyline von Rio und bekommt ein entsprechendes Angebot angezeigt. Spaß macht das auf jeden Fall und der wird beim Shoppen in der realen Welt immer wichtiger.

Auf dem fvw Digital Marketing Day Anfang Februar haben Experten von Amadeus eine weitere Möglichkeit vorgestellt: Sie ließen einen Menschen mit VR-Brille durch einen virtuellen Raum gehen, der mit Controllern in beiden Händen Dinge anfassen und beeinflussen konnte. Kann man also bald das Reiserlebnis im Reisebüro hautnah erlebbar machen? Ob Tauchgang im Korallenriff oder ein Cocktail an der Reling des Kreuzfahrtschiffes, echtes Feeling schon vor der Reise? Dann fehlen nur noch Geräusche und Düfte.

Anwendungen und Content sind für den Einsatz im Vertrieb bei dieser Technik noch nicht verfügbar. Daniel Monhof, Leiter Business Development bei Amadeus Germany, kündigte für die ITB 2017 die Präsentation einer außergewöhnlichen Anwendung an, die auch für Reisebüros interessant sein soll. Wir sind gespannt – und werden berichten.

AR & VR bald in jedem Haushalt?

Bleibt die Frage, wie lange können Reisebüros mit dem virtuellen Erlebnis Kunden locken? Denn wenn die AR & VR-Technik im Laufe der nächsten Jahre noch günstiger und einfacher wird, hat sie bald fast jeder zu Hause, um dann vom Sofa aus den Club oder das Schiff zu besichtigen. Carsten Fischer sieht deswegen die Chancen fürs Reisebüro durch VR allerdings nicht bedroht: „Im Reisebüro ist immer noch Beratung und Kompetenz. Und Unabhängigkeit. Das alles habe ich nicht, wenn ich mir zu Hause die Angebote einzelner Veranstalter ansehe.“

Bildnachweis: iStock.com/Easyturn