Von Hamburg nach Haiti, von Bielefeld nach Berlin: Wenn Kunden eine Reise in ferne Länder oder einen Kurztrip in angesagte Städte buchen, brauchen sie oftmals mehrere Verkehrsmittel – und Geduld. Was wäre, wenn Reisende im In- und Ausland zwischen Bus, Bahn, Taxi oder Flugzeug wechseln könnten – ohne Wartezeit am Bahnsteig oder Terminal? Seamless Travelling, auch nahtloses Reisen genannt, ist längst keine Utopie mehr, sondern liegt voll im Trend. Wir erklären, was sich dahinter verbirgt.

Was ist nahtloses Reisen?

Seamless Travelling ist der Inbegriff des schnellen, nahtlosen Reisens mit fließenden Übergängen von einem Verkehrsträger zum nächsten. Damit kann beispielsweise der Wechsel von der Bahn als Zubringer zum Flugzeug gemeint sein oder auch die optimale Verbindung zwischen Inlands- und Auslandsflügen verschiedener Allianzpartner. Seamless Travelling ist jedoch mehr als nur Reisen in Rekordzeit. Es bedeutet, dass Reiseketten ineinandergreifen wie die Zahnräder eines Schweizer Uhrwerks. Wie diese Reiseketten optimiert werden können, beschäftigt die Reisewirtschaft schon seit Jahren. Schließlich ist nahtloses Reisen von Tür zu Tür – und das mit nur einem Ticket – ein zentraler Kundenwunsch. Im Hotel- und Fluggeschäft gehört ticketloses Reisen bereits seit Langem zum Standard.

Nahtlose Reiseerlebnisse schaffen – so geht‘s

Nahtloses Reiseerlebnisse gelingen vor allem dann, wenn Partnerschaften zwischen den einzelnen Verkehrsdienstleistern entstehen. Das bedeutet auch: Kooperation statt Konkurrenz. Wie gelingt dieser Spagat? Integriertes Ticketing ist eine Möglichkeit, Code Sharing zwischen zwei Airlines eine andere. Ein Beispiel: Die in 2016 entstandene Partnerschaft zwischen SWISS, Lufthansa und Singapore Airlines bietet Reisenden seither mehr nahtlose Verbindungen nach Südostasien und Australien.

Seamless–Travelling-Konzepte sind umso wirkungsvoller, je mehr die einzelnen Prozesse und Reiseangebote der Reiseveranstalter und -dienstleister miteinander vernetzt sind. Die Deutsche Bahn beispielsweise unterstützt seit 2015 den Fahrdienst CleverShuttle, der bisher in Berlin, Leipzig, Hamburg und München zum Einsatz kommt. Das Konzept gleicht dem eines Carsharing-Dienstes, bei dem ein Auto geteilt wird und ähnliche Routen der Fahrgäste gebündelt werden. Das Parkhaus an der richtigen Stelle, der kurz getaktete Schienenverkehr zwischen Bahnhof und Flughafen oder aufeinander abgestimmte Fahr- und Flugpläne mit Anschlussgarantie tragen genauso zum nahtlosen Reisen bei.

Nahtlos digital unterwegs

Der Urlauber von heute will gut über seine Reiseschritte informiert sein, überall und jederzeit. In Zeiten der Digitalisierung ist es kein Problem mehr, Kunden auf schnellem Wege mit Reiseupdates zu versorgen: Smartphones, Tablets und Notebooks sind zum ständigen Begleiter im Alltag geworden. So auch auf der Reise.

Genau hier setzt die gemeinsame App der Flughäfen München, Hamburg, Düsseldorf und Münster/Osnabrück an. Die Anwendung Passngr berechnet die Reisezeit von Tür zu Tür: Während der Kunde noch auf dem heimischen Sofa sitzt, prognostiziert die App bereits die Wartezeit am Sicherheitscheck. Möglich macht das eine Echtzeit-Videoanalyse. Die Reisezeit zum Flughafen sagt die App ebenfalls voraus – eine Analysesoftware bezieht die aktuellen Reiseinformationen der Nahverkehrsbetriebe mit ein.

Auf dem Flughafen stehen dem Nutzer zahlreiche Optionen zur Verfügung: mit dem Smartphone den Parkplatz reservieren, über die virtuelle Rundtour das richtige Gate finden oder prüfen, ob der Flieger pünktlich abhebt. Mit der An- und Abreise ist es jedoch noch lange nicht getan. Am Wunschzielort angekommen, geht es nahtlos digital weiter: „Das Smartphone ist eines der wichtigsten Gepäckstücke des Urlaubers von morgen. Er reist papierlos, checkt vorab online im Hotel ein, bucht seine Ausflüge von der Strandliege aus, macht seine Tischreservierung für das Abendessen mit einem Klick klar und lässt Gott und die Welt digital und manchmal vielleicht sogar live an seinen Urlaubserlebnissen teilhaben“, sagt Marek Andryszak, CEO der TUI Deutschland GmbH.

Wie nahtlos ist nahtlos? Wenn die Zeit im Nacken sitzt

Nicht nur Urlauber wollen entspannt am Ziel ankommen. Besonders für Vielreisende kommt es darauf an, möglichst schnell von A nach B zu kommen, und auch die Fluggesellschaften haben ein Interesse daran, dass ihre Jets pünktlich abheben. Check-Ins, Zwischenaufenthalte und Sicherheitskontrollen dauern oft noch viel zu lang. Online-Check-Ins und Quick-Boarding-Geräte für Vielflieger sind schon lange kein Novum mehr. Nun sollen automatische Sicherheitskontrollen Behörden dabei helfen, Reisedaten von Passagieren schneller zu prüfen. Gesichts-Scans, elektronische Einreisegenehmigungen oder Check-ins ohne Reisepass – vielerorts ist das noch Zukunftsmusik. Am Zürcher Flughafen sind automatische Schleusen mit Gesichtserkennung seit September dieses Jahres bereits im Test.

Endet nahtloses Reisen dort, wo die Sicherheitsnaht beginnt?

Was die Sicherheit im Flugverkehr angeht, vielleicht ja. Denn auch in Zürich gibt es überwiegend noch Kontrollschalter mit Sicherheitspersonal. Ob sich die automatischen Sicherheitskontrollen in Zeiten, in denen Terrorismus zum Alltag gehört, durchsetzen können, wird die Zukunft zeigen.

Fest steht: Nahtloses Reisen ist eine Frage optimierter, flüssiger Sicherheitsprozesse – und der richtigen Logistik. Funktioniert diese reibungslos, profitieren davon nicht nur Passagiere: Wenn die Minimum Connecting Time (MCT), d.h. die Zeit, die ein Flughafen braucht, um einen Passagier abzufertigen, sehr kurz ist, kann die Zahl der Reisenden erhöht werden. Dazu gehören kurze Wege vom Check-in bis zur Bordkartenkontrolle genauso wie eine fließende Gepäcklogistik. Diese ist im Bereich Flugverkehr schon sehr weit ausgefeilt, Zeitdiebe sind hier eher die Gepäckstücke, die aufgrund ihrer Größe, des Gewichts oder des Inhalts nicht den Vorgaben der Fluggesellschaften entsprechen. Der Kunde selbst trägt somit zum nahtlosen Reisen bei.

Seamless Travelling ist Kundenservice

Entscheidend für nahtloses Reisen ist jedoch nicht nur die Minimum Connecting Time. Die Frage, wie es gelingt, traditionelle Vertriebskanäle mit neuen digitalen Kanälen zu verknüpfen, ist für Reiseveranstalter von entscheidender Bedeutung. TUI etablierte zum Beispiel verschiedene Ansätze. Online-Kunden werden von Reisebüros beraten oder an spezialisierte Reisebüros weitergeleitet, wenn sie zuvor auf www.tui.com ihren Reisewunsch beschrieben haben.

Auch am Urlaubsziel selbst erhalten TUI-Urlauber zusätzlich zum persönlichen Kontakt eine multimediale Betreuung: So erreichen sie die Reiseleitung rund um die Uhr per Mail, SMS oder Telefon und können auf das gesamte Service- und Informationsangebot zugreifen. Vom Liegestuhl aus einen Mietwagen reservieren, einen Ausflug buchen oder sich die Transferzeiten zum Flughafen via SMS schicken lassen.

Auch im klassischen Reisebüro sind zunehmend nahtlose Reiseangebote gefragt. Bestes Beispiel: die Pauschalreise. Da kommt es darauf an, dass alle Umstiege und Transfers nicht nur lückenlos geplant sind, sondern auch ohne lange Wartezeiten über die Bühne gehen. Im Falle von Verspätungen erwartet der Kunde umfassende Informationen und taugliche Alternativen, damit er ein Reiseerlebnis ohne offene Nähte genießen kann. In der Zukunft werden sich Reiseanbieter sicherlich auch daran messen lassen müssen, ob sie diesem Anspruch gerecht werden.